Die Hetzjagd innerstädtischer Verkehrsbetriebe konträr zur Langsamkeit der Weichenstellung mancherorts dort draußen auf diesem 180 km langen Weg nach Bielefeld. Umsteigen in Hamm, der Stadt des Glaselefanten. Aufenthalt. Wieder ein überfüllter Zug. Taxi. Gerade noch rechtzeitig am Theater, lasse mich einschleusen. Lange Gänge. Eine hohe Tribüne. Ein Sitz mit der Beschriftung «Kulturamt». Let the show begin, «Theaterlabor im Tor 6″!
Es werden Reden gehalten, die Dozenten vorgestellt. Man darf nicht vergessen, es handelt sich nicht nur um einen Programmpunkt der Scene:Ungarn, sondern auch um die Eröffnungsfeier der 20. «Bielefelder Tanztage». Eine Dame wird auf die Bühne geholt, sie hat in wirklich jedem Jahr Tanzkurse belegt. Heute ist sie Ehrengast.
Nach diesen schönen Gesten geht es los. Das «Budapest Dance Theatre» tritt auf und verzaubert uns mit dem 20-Minüter «Flabbergast», zu deutsch «verwundern». Und vom ersten Augenblick an ist das Publikum in der Tat gefesselt an die Choreographien der elf Darbieter. Es ist eine Mischung aus Tanz verschiedenster Stile und Schauspielerei. Männer mit Koffern rennen in der ersten Szene quer über die Bühne. Ein Spektakel bahnt sich an. Immer wieder Paartänze, jedoch außergewöhnlich durchchoreographiert, aggressiv, hocherotisch, eröffnen vielerlei verschiedene mögliche Verknüpfungen. Geht es um Gesellschaft? Gruppenbildung? Partnerfindung? Sex? Die Rolle des Mannes und der Frau? Soziale Geschlechtsidentität? Dem Betrachter sind kaum interpretatorische Grenzen gesetzt. Eines ist es aber ganz sicher: Unglaublich unterhaltsam! Die Anfangsszene lässt mich an die Eröffnungszeremonie der Scene:Ungarn im Dortmunder Schauspielhaus denken, in der es Szenen gab, in der die Darsteller des «Hungarian State Folk Ensemble» in ihrer Vorstellung «Labyrinth» teils ebenso gespenstisch agierten, mit der Körpersprache jener Zombies aus «Silent Hill» etwa. Was jedoch danach kommt, lässt sich schwer einer bestimmten Tanzrichtung zuordnen, auch nicht im zweiten Stück, «Choreographer Confessions», nach 20-minütiger Pause dargeboten. Es ist alles und nichts. Es ist unverkennbar modern, Tango und Ballett. Es sind Hip-Hop-, Breakdance-, Capoeira- Momente. Es ist Latin, Salsa, Samba, Foxtrott. Es ist alles das. Doch alles davon ist plötzlich unerheblich, die ganzen Geschehnisse die angedeutet werden, belanglos. Es ist alles nichts und alles ist alles – dass ich das mal sagen würde…
Besonders gut abgestimmt sind die Geräuschmusikelemente in «Choreographer Confessions» und der Tanz: Stimmfetzen über einem Stakkato -beat, rhythmisch, a-rhythmisch, überbordend mit der Wucht einer landenden Boeing; Melodiefragmente und die Verdichtung jener Stimmen zu ganzen Sätzen, lyrisch, politisch, postmodern, eine Szenerie aus der nahen Zukunft beschreibend, in der «die Luft so dicht geworden ist, dass sie sich auf einen niederdrückt». Das alles auf vier Sprachen und so perfekt abgestimmt auf die Bewegungsschemata der Tänzer, die Ausbrüche ihrer Gelenke, dass ich mich fast fragen muss, was zuerst da war: Der Tanz oder die Musik.
Wo ich es hingegen genau weiß und mich bereits wie ein kleines Kind vor der Bescherung darauf freue, ist die dritte Aufführung, die des «Boléro». Immer schon wollte ich eine Aufführung dieses Epoche machenden, monumentalen Stücks sehen – heute habe ich die Gelegenheit dazu! Und, was soll ich sagen? Wenn Sie das jetzt lesen, möchte ich, dass Sie wissen, dass mich in meiner Interpretation des Gesehenen die Musik beeinflusst hat, und das mehr als nur am Rande. Die «Geschichte», wenn man eine solche herauslesen kann: Eine Gruppe junger Frauen und Männer treffen nach und nach an einem Orte ein, in der offensichtlichen Erwartung von irgendetwas. Sie spähen danach, in den Zuschauerraum hinein. Als es zunächst nicht eintrifft, zeigen sie sich enttäuscht. Doch dann setzt die Musik ein und sie freuen sich darüber, beginnen zu tanzen. Zu den Klängen der Variationen der verschiedenen Instrumente und dem spannungsgeladenen Crescendo des Stückes bieten die Tänzer eine Akkumulation dessen, was wir bislang erleben durften. Ausgefallene Choreografien und lauernde Akteure führen – auch choreographisch – durch Höhen und Tiefen und bauen die Spannung so lange auf, bis diese zeitgleich mit Ravels Glissandi spielenden Posaunen und dem dissonanten Des-Dur am Schluss endlich – und unendlich – in sich zusammenfällt, sich auflöst – eine Szenerie, als hätte es sie nie gegeben.
Was Ravel dazu gesagt hätte, weiß ich nicht. Ich kann mich meiner Tränen jedenfalls seit einigen Minuten nicht mehr erwehren, und das wegen seiner Komposition. Dazu habe ich eine perfekte Inszenierung gesehen und darf mich, wohl anzunehmenderweise auch im Namen des Regisseurs, bei demjenigen bedanken, der uns diese Aufführung ermöglicht hat: Danke, Maurice, dass es Dich gab!
Erst auf der Straße fängt mich das Hier und Jetzt ein, hat das Leben fernab der Bühne mich wieder. An einer Straßenecke, ein paar Blocks weiter, dann die ersten Worte, die ich vernehme: Vor einem türkischen Imbiss eine Gruppe Männer. «Wir sind gezwungen, unser Geld in Zukunft woanders zu waschen», heißt es, ebenso gebrochen wie gewählt. Sieh an, willkommen in der Realität. Jetzt noch zum Bahnhof, 25 Minuten warten, zwei Stunden mit dem ICE, um kurz vor drei daheim. So weit weg diese Bühne, deren Erlebnisse mir in den nächsten Tagen noch so nah sein werden, der Welt so fern.